Wie bei uns Cannabis wächst – und warum das
anders ist
Eine kurze Einleitung
Wir bauen Cannabis an. Das ist, seit der Verein gegründet wurde, unsere Aufgabe gemäß
Konsumcannabisgesetz. Aber wie wir das tun, ist eine Geschichte für sich – und eine, die wir
gerne erzählen, weil sie etwas über unser Verständnis von Pflanzen, Boden und Verantwortung
sagt.
Wenn Sie sich Cannabisanbau als sterile Hallen mit weißen Kitteln, Flutlicht und Tanks voller
chemischer Nährlösungen vorstellen – das gibt es. Es ist sogar die übliche Methode in der
kommerziellen Produktion. Wir machen es anders. Bei uns lebt der Boden. Wortwörtlich.
Was bei uns wächst – und mit wem
In unseren Anbaubeeten steht Cannabis nicht allein. Zwischen den Pflanzen wachsen während
der Wachstumsphase Klee, Luzerne, Gelbsenf und Phacelia als Begleitpflanzen. Über den Boden
krabbeln Springschwänze und winzige Bodentierchen. Im Substrat selbst leben Regenwürmer,
Raubmilben und Nematoden. An den Pflanzen sitzen Florfliegenlarven und weitere Nützlinge. Es
ist keine Monokultur, sondern ein Miniatur-Ökosystem.
Jede dieser Komponenten hat eine Funktion. Klee und Luzerne binden mit Hilfe symbiotischer
Bakterien Stickstoff aus der Luft und geben ihn nach und nach an den Boden ab – ein natürlicher
Dünger, der nicht aus dem Sack kommt. Gelbsenf bricht mit seinen Pfahlwurzeln Verdichtungen
auf und holt Nährstoffe aus tieferen Schichten nach oben. Phacelia bildet ein feines, dichtes
Wurzelwerk, das die Bodenstruktur verbessert und Mykorrhiza-Pilze fördert, und liefert nach dem
Mulchen schnell verfügbare organische Substanz. Die Bodentiere zerkleinern abgestorbenes
Pflanzenmaterial und machen es für Mikroorganismen verfügbar. Raubmilben und
Florfliegenlarven halten Schädlinge in Schach, bevor diese überhaupt zum Problem werden.
Mit der Einleitung der Blütephase werden die Begleitpflanzen zurückgeschnitten und bleiben als
Mulchschicht auf dem Boden liegen. So geben sie die gebundenen Nährstoffe wieder frei und
schützen gleichzeitig das Bodenleben vor Austrocknung. Das Cannabis profitiert von alldem, ohne
dass wir eingreifen müssen.
Warum wir keinen Mineraldünger benutzen
Pflanzen brauchen Nährstoffe. So weit, so unstrittig. Die Frage ist, wie sie an diese Nährstoffe
kommen.
In konventionellem Anbau löst man Mineralsalze in Wasser auf und gibt sie der Pflanze direkt. Das
funktioniert, hat aber Nachteile: Es schwächt die natürliche Nährstoffaufnahme der Wurzeln,
hinterlässt Salzrückstände und macht die Pflanze abhängig von ständiger Nachdosierung.
Außerdem hat es ökologisch erhebliche Schattenseiten, von Energieaufwand bei der Herstellung
bis zu Nitratbelastung der Gewässer.
Wir gehen einen anderen Weg, den die amerikanische Bodenmikrobiologin Dr. Elaine Ingham
(1952–2026) als „Soil Food Web“ bekannt gemacht hat. Die Idee dahinter ist so alt wie die Natur
selbst: Pflanzen ernähren sich nicht direkt aus dem Boden, sondern über ein Netzwerk aus
Mikroorganismen, das ihre Wurzeln umgibt.
Im Detail sieht das so aus: Eine Pflanze gibt über ihre Wurzeln Zucker und Eiweiße ab – bis zu 40
Prozent dessen, was sie durch Photosynthese gewinnt. Das klingt verschwenderisch, ist aber eine
Investition. Diese Stoffe locken gezielt Bakterien und Pilze an. Diese binden mineralische
Nährstoffe aus dem Boden. Größere Organismen wie Protozoen und Nematoden fressen
wiederum die Bakterien und Pilze – und scheiden dabei die überschüssigen Nährstoffe
pflanzenverfügbar aus, direkt an der Wurzel. Eine Lieferkette von Mikroorganismus zu
Mikroorganismus, die genau das liefert, was die Pflanze braucht, wann sie es braucht.
Wenn dieses Netzwerk intakt ist, kann sich die Pflanze weitgehend selbst versorgen. Düngen im
konventionellen Sinne wird überflüssig. Wir müssen nur dafür sorgen, dass das Bodenleben
stimmt.
No-Till Living Soil – der Boden, der nie gestört wird
Unsere Anbaubeete sind keine Töpfe, die nach jedem Durchgang ausgeleert und neu befüllt
werden. Sie sind dauerhaft etabliert und werden zwischen den Anbauzyklen nicht umgegraben –
daher der englische Fachbegriff No-Till, also „ohne Pflügen“. Das hat einen guten Grund: Jedes
Umgraben zerstört die feinen Pilzgeflechte, die sich über Wochen aufbauen, und tötet einen
Großteil des Bodenlebens.
Stattdessen pflegen wir den Boden zwischen den Zyklen mit gezielten Maßnahmen, die das Leben
darin stärken statt zu stören. Dazu gehört unter anderem die Ausbringung eines Inokulants auf
Basis humifizierter organischer Substanz, der mit Mykorrhiza-Pilzsporen, Trichoderma-Pilzen und
Rhizosphärenbakterien angereichert ist. Wir beziehen ihn derzeit extern – etwas, das wir
mittelfristig gerne selbst produzieren würden. Mykorrhiza sind besondere Pilze, die eine Symbiose
mit Pflanzenwurzeln eingehen – sie erweitern faktisch das Wurzelsystem der Pflanze um ein
Vielfaches und verbessern Wasser- und Nährstoffaufnahme erheblich. Trichoderma-Pilze
ergänzen das, indem sie sich im Wurzelraum etablieren und dort pathogene Pilze wie Pythium
oder Fusarium auf natürliche Weise verdrängen. Beim Einpflanzen bekommen unsere jungen
Cannabispflanzen zusätzlich Mykorrhiza-Pulver direkt an den Wurzelballen, damit die Symbiose
von Anfang an etabliert ist.
Das Ergebnis: Mit jedem Anbauzyklus wird unser Boden besser, nicht schlechter. Das Gegenteil
dessen, was in konventioneller Landwirtschaft passiert.
Komposttee – mikrobielles Konzentrat aus eigener Herstellung
Eine unserer wichtigsten Pflegemaßnahmen ist der sogenannte Komposttee. Klingt wie ein
Aufgussgetränk, ist aber ein hochaktives mikrobielles Konzentrat.
Die Grundlage liefert unser eigener Wurmkompost. Wir halten Kompostwürmer in einer Wurmkiste
und füttern sie mit organischen Abfällen. Was die Würmer hinten ausscheiden, ist eines der
mikrobiell reichhaltigsten Materialien überhaupt – voller Bakterien, Pilze, Protozoen und
Mikronährstoffe.
Diesen frischen Wurmkompost packen wir in einen feinen Stoffbeutel und hängen ihn in belüftetes
Wasser. Über 24 Stunden vermehren sich die Mikroben explosionsartig, gefüttert mit Rübensirup
als Energiequelle und Malz als Enzymlieferant. Was wir am Ende haben, ist eine bräunliche
Flüssigkeit, die pro Milliliter mehr aktive Mikroorganismen enthält als viele Quadratmeter
durchschnittlicher Erde.
Diesen Tee gießen wir verdünnt in die Beete. Er füttert nicht die Pflanzen, sondern das
Bodenleben. Und ein gesundes Bodenleben sorgt für gesunde Pflanzen.
Wasser – warum wir RO-Wasser verwenden
Wir gießen ausschließlich mit Umkehrosmose-Wasser, kurz RO-Wasser. Das ist Wasser, dem alle
gelösten Stoffe entzogen wurden. Klingt zunächst paradox – warum entfernen wir Mineralien aus
dem Wasser, wenn die Pflanzen sie doch brauchen?
Der Grund liegt in der Kontrolle. Leitungswasser enthält je nach Region unterschiedliche Mengen
Kalk, Chlor, Nitrate und andere Stoffe, deren Zusammensetzung schwankt. Für ein System, in dem
das Bodenleben präzise eingestellt ist, sind das unkontrollierbare Variablen. RO-Wasser ist ein
reines Lösungsmittel. Die Nährstoffe und auch der pH-Wert kommen aus dem Boden, wo sie
hingehören – nicht aus dem Wasser.
Wir gießen außerdem nicht bis zum Abfluss, sondern nur bis zur Sättigung an der Feldkapazität.
Das heißt: Der Boden nimmt genau so viel Wasser auf, wie er in seinen Poren halten kann, ohne
dass etwas durchläuft. Damit werden weder Nährstoffe ausgewaschen, noch wird der Boden durch
reines Wasser entmineralisiert. Der pH-Wert wird durch die Pufferkapazität des Substrats bestimmt
– nicht durch das Gießwasser. Diese Eigenschaft eines gut aufgebauten lebendigen Bodens ist
einer der Gründe, warum RO-Wasser für unser System die richtige Wahl ist.
Besonders stolz sind wir auf unseren Wasserkreislauf. In einem geschlossenen Anbausystem
geben die Pflanzen einen erheblichen Teil des Gießwassers wieder an die Luft ab – sie
transpirieren. Bei uns wird diese Feuchtigkeit nicht einfach abgelüftet, sondern in Fässern
aufgefangen und über die Umkehrosmose-Anlage erneut aufbereitet. So gießen wir die Pflanzen
im Grunde mit dem Wasser, das sie selbst zuvor abgegeben haben. Ein nahezu geschlossener
Kreislauf, der Trinkwasser spart und ökologisch sinnvoll ist.
Closed Loop – das geschlossene System
Unsere Anbauzelte sind ein abgeschlossenes Klimasystem. Klimaanlage, Entfeuchter und
CO2-Zuführung halten Temperatur, Luftfeuchtigkeit und CO2-Gehalt auf den Werten, die die
Pflanze in ihrer jeweiligen Wachstumsphase optimal unterstützen – mit unterschiedlichen
Vorgaben für Tag und Nacht und angepasst über den gesamten Zyklus hinweg, von der
vegetativen Phase über die frühe Blüte bis zur Reife. Auch die Bodenfeuchte wird kontinuierlich
über Sensoren überwacht und so gehalten, dass sowohl die Pflanzen ausreichend Wasser haben
als auch das Bodenleben genug Sauerstoff im Wurzelraum vorfindet. Die Beete selbst stehen isoliert vom Boden, sodass keine ungewollten Einflüsse von außen das System stören können.
Diese technische Ausstattung hat einen wichtigen Zweck, der über die reine Anbauoptimierung
hinausgeht: Sie sorgt dafür, dass die kritischen Parameter unabhängig davon stabil bleiben, wer
gerade im Anbauraum arbeitet. Pflanzen reagieren empfindlich auf Schwankungen, und je mehr
Variablen automatisch geregelt sind, desto weniger kann im Alltag schiefgehen. Für einen Verein,
in dem viele Hände beteiligt sind und in dem nicht jeder dieselbe Erfahrung mitbringt, ist das ein
entscheidender Stabilitätsfaktor.
Warum wir es so machen
Wir hätten es uns einfacher machen können. Mineraldünger, sterile Substrate, schnelle Zyklen –
die Methoden sind etabliert und liefern vorhersehbare Erträge. Wir haben uns bewusst anders
entschieden, aus mehreren Gründen.
Pflanzengesundheit. Eine Pflanze in einem lebendigen Boden kann sich aus einer großen
Bandbreite an Mineralien und Spurenelementen bedienen, in dem Maß und Tempo, das ihrer
Entwicklungsphase entspricht. In konventionellem Anbau ist das Nährstoffangebot künstlich
vereinfacht und stark dosiert, was eine andere Art von Pflanzenwachstum erzeugt.
Nachhaltigkeit. Unser Substrat verbessert sich über die Zyklen, statt sich zu erschöpfen. Wir
produzieren kaum Abfall, brauchen keine Kunstdünger, keine Pestizide. Das ist nicht nur ein
ökologisches Argument, sondern auch ein ökonomisches – langfristig ist Living Soil günstiger und
stabiler als ständiger Inputbedarf.
Wissen. Wir sehen unseren Verein als einen Ort, an dem etwas ausprobiert und verstanden wird.
Regenerative Landwirtschaft, Permakultur und Soil Food Web sind in Deutschland im
Cannabisanbau noch kaum verbreitet. Wer es ernsthaft betreibt, sammelt Erfahrung, die über den
Verein hinaus wertvoll ist.
Verantwortung. Cannabis ist eine Kulturpflanze mit langer Geschichte. Wir wollen ihr gerecht
werden – nicht als Produkt einer Industrie, sondern als Pflanze, die in einem gesunden
Lebenszusammenhang wächst.
Unsere Quellen und Inspirationen
Was wir tun, ist keine Erfindung von uns. Wir stehen auf den Schultern einer Bewegung, die sich
seit Jahrzehnten mit lebendigem Boden beschäftigt. Wichtige Einflüsse sind:
Dr. Elaine Ingham (1952–2026) mit ihrer Forschung zum Soil Food Web, die das
wissenschaftliche Fundament für unsere Arbeit liefert.
Jeff Lowenfels und Wayne Lewis mit ihrer „Teaming with“-Buchreihe, die das Wissen für
Praktiker zugänglich gemacht hat (auf Deutsch erschienen unter anderem als „Die
Mykorrhiza-Revolution“).
Cho Han-Kyu und die Tradition des Korean Natural Farming (KNF), aus der wir die
fermentativen Pflanzenpräparate und Mikroorganismen-Sammelmethoden übernommen haben.
Cho Youngsang, Sohn von Cho Han-Kyu, und die JADAM-Methode, die KNF skalierbar und
kostengünstig weiterentwickelt hat.
BuildASoil als amerikanische Pioniere, die diese Methoden für den Indoor-Cannabisanbau in
Containern übersetzt haben.
Diese Quellen ergänzen sich. Keine allein liefert das vollständige Bild – zusammen bilden sie die
Grundlage des Anbausystems, das wir hier umsetzen.
Zum Schluss
Wenn man einmal angefangen hat, Boden als lebendigen Organismus zu verstehen, lässt einen
das nicht mehr los. Man sieht plötzlich Zusammenhänge, wo vorher nur Substrat war. Man
begreift, dass eine Pflanze kein isoliertes Wesen ist, sondern ein Knotenpunkt in einem Netzwerk,
das vom mikroskopischen Bakterium bis zum sichtbaren Insekt reicht.
Genau diese Faszination treibt uns an. Wir bauen nicht nur Cannabis an, wir kultivieren ein
Ökosystem. Jeder Zyklus lehrt uns etwas Neues.
Wer mehr darüber erfahren möchte oder Fragen zu unserem Anbau hat, ist herzlich eingeladen,
mit uns ins Gespräch zu kommen. Es gibt nichts, was wir lieber teilen, als das, was wir hier tun.